Vom Friedhof der unausgesprochenen Wahrheiten

„Was wahr ist, das darf man auch sagen.“

Das hat meine Oma schon immer gesagt. Meistens dann, wenn ich irgendetwas nicht so gemacht habe, wie ich es ihrer Meinung nach hätte tun sollen. Natürlich dachte ich damals, ich wüsste es besser. Natürlich dachte ich, mein Zimmer ist aufgeräumt genug und ich bin auch gar nicht so spät nach Hause gekommen. Und heute weiß ich, dass ich nicht recht hatte. Sonder meine Oma – wie in so vielen Dingen. Auch, dass man die Wahrheit sagen darf. Nur manchmal ist es besser, man behält seine Wahrheit für sich.

Die Wahrheit ist ein dehnbarer Begriff, ein starkes Argument, kompliziert, einfach, schwer und vieles mehr. Aber eins ist die Wahrheit nicht: Etwas, das man leichtfertig behandeln sollte oder für selbstverständlich richtig. Die Wahrheit ist niemals grundlegend richtig oder in jeder Situation die beste Option. Die Wahrheit kann auch bedeuten, andere zu verletzen. Manchmal Menschen, die ein gewisses Verletzungsrisiko wert sind. Meistens aber Menschen, die man liebt, schätzt und die die Wahrheit eigentlich wert sind. Und manchmal entscheidet man sich dazu, die Wahrheit nicht auszusprechen und sie auf dem Friedhof der unausgesprochenen Wahrheiten zu vergraben. Aber doch lässt einen das Gefühl nicht los, nicht das Richtige getan zu haben und dann schmerzt sie wieder – die (unausgesproche) Wahrheit. Dann aber einen selbst.

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In Zeiten, in denen jeder etwas zu sagen hat und auch möchte, dass jeder es mitbekommt, ist die Wahrheit aber noch etwas: Unberechenbar. Falsche Wahrheiten, Worte wie Gift. Verlogene Zungen, die andere Menschen zu leichtgläubigen Hüllen formen, die schon längst nicht mehr wissen, um welche scheinbare Wahrheit es eigentlich geht. Mitlaufen, weil es alle tun und ein Stehenbleiben auffallen würde. Falsche Wahrheiten. Alternative Fakten. Und der Satz „Was wahr ist, darf man auch sagen!“ bekommt einen gefährlichen Beigeschmack.

Die Wahrheit ist nicht nur richtig, sie ist vieles. Sie ist ein wertvolles Multifunktionswerkzeug, bei dem es sich manchmal lohnt, es nicht bei der erstbesten Möglichkeit zu zücken und es jedem zu präsentieren. Was wahr ist, darf man sagen. Man muss es aber nicht. Und genau das ist manchmal die bessere Option.

 

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