Buchrezension: Der Herr der kleinen Vögel von Yoko Ogawa

„Kein Lebewesen würde von einer derartigen Inbrunst erfüllt sein wenn es um etwas anderes ginge als die Liebe.“

Enlight75

Der Herr der kleinen Vögel von Yoko Ogawa – ein Buchtitel, der auf dem ersten Blick Ruhe verspricht, etwas märchenhaftes versprüht, in jedem Fall aber etwas, dass eher von Frieden als Brutalität erzählt. Genau diese Erwartungen werden auch erfüllt und zwar frei von jeglichen erzählerischen Überraschungen. Überraschenderweise ist das Fehlen solcher eine der größten Stärken des Buches.

Der Herr der Vögel, wie der Hauptcharakter von manchen genannt wird, hat ein stilles und einsames Leben, dessen Höhepunkte daraus bestehen, sich der zärtlichen Pflege und Bewunderung von Vögeln hinzugeben. Während er Vögel mehr zu verstehen scheint als sonst jemand, sich mit ihnen in liebevolle Gespräche verstrickt, kann er sich anderen Menschen nur schwierig annähern. Durch seine Eigenart wirkt der Herr der kleinen Vögel selbst wie ein komischer Kauz, der von der Außenwelt mit zunehmenden Alter argwöhnisch beäugt wird.

Während andere Bücher mit zunehmender Seitenzahl an Spannung gewinnen und immer größere Wellen schlagen, hat man mit Der Herr der kleinen Vögel einen durchgängig ruhigen Bach vor sich, der es vermeidet, in einer starken, wilden Strömung zu münden. Man beobachtet und gibt sich der langsam vor sich hintröpfelnden Geschichte hin, malt diese mit seinen eigenen Gedankenfarben aus. Für manche mag das Buch zu ruhig erscheinen, vielleicht sogar langweilig. Allerdings ist die Ruhe, die es ausstrahlt, auch eine der größten Stärken: Während man liest, vergisst man den eigenen Alltag, verkleidet sich in der Rolle als stiller Beobachter der Geschichte des Herrn der Vögel. Wie ein Märchen, welches man sich selbst vorliest, um danach seelenruhig in das eigene Leben zurückzukehren.

Die Wortwahl ist klar und deutlich. Dennoch oder gerade deshalb schafft es die Autorin, dass die Melancholie zeitweise schon fast in jedem Satz mitschwingt und gerade dann zeigt sich, was unter der unscheinbaren Fassade des Hauptcharakters schlummert und welchen teils schmerzvollen Gedanken er nachhängt.

Der Herr der kleinen Vögel ist in seiner Einfachheit ein wunderschönes, lesenswertes Buch für all diejenigen, die nicht unbedingt Spannung benötigen, um sich unterhalten zu fühlen. Dennoch gibt es meinerseits (leider) einen Stern Abzug, da dem Buch trotz der geschätzten Ruhe der ein oder andere Höhepunkt keinen Abbruch getan hätte.

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