Lost in Nippon – Teil 1: Tokyo 東京

Als ich mich am Anfang des Jahres zu einer Japanrundreise entschlossen habe, konnte ich es kaum glauben, es tatsächlich zu tun – einen meiner größten Lebensträume erfüllen. Einfach so. Mit einem einfachen Klick. Monate der Vorfreude standen mir bevor und ehe ich mich versehen konnte, war er auch schon da: Der große Tag, an dem es endlich in Richtung Asien gehen sollte. Er war plötzlich da, als wären all die Monate zuvor wie in Windeseile an mir vorbeigezogen, nur um mir damit einen Gefallen zu machen und mich nicht mit Warten zu strafen. In den nächsten Wochen möchte ich euch nochmal mit auf die Reise nehmen und euch unter anderem erzählen, warum meine Reise schon fast zu Ende war bevor sie überhaupt begonnen hatte, in welchen Geschäften ich mein Geld für welche Kuriositäten habe liegen lassen, was schön und was weniger schön an meiner Reise war und vor allem, was ich letztendlich wieder an Erfahrungen mit nach Deutschland genommen habe, welche mich tatsächlich geprägt und manche Sicht auf Dinge grundlegend verändert hat. Los gehts!

Die Koffer mit möglichst wenig unnötigen Dingen gepackt und guter Dinge machten wir uns auf den Weg zum Frankfurter Flughafen. Von dort aus sollte es in einem knapp sechsstündigen Flug erst nach Dubai und von dort nach Tokyo, im gelobten Land der aufgehenden Sonne, gehen. Wir wollten möglichst wenig dem Zufall überlassen und deswegen haben wir uns entschlossen, den Zug nach Frankfurt so früh wie möglich zu nehmen, so dass wir auf jeden Fall ungefähr vier Stunden vorher schon am Flughafen eintreffen, um dann in aller Ruhe das leichte Gepäck abzugeben und einzuchecken. Doch  auch wenn wir dem Zufall kaum Raum für Entfaltungsmöglichkeiten boten, hat er sich doch Freiheit erkämpft, um uns erstmal auf den Boden der Tatsache zu treten – der Deutschen Bahn. Der Zug von Stuttgart nach Frankfurt Flughafen blieb irgendwann stehen und konnte seine Reise nicht mehr fortsetzten, da plötzlich eine Brücke der Meinung war, sie müsste einsturzgefährdet sein und sich danach eine Oberleitungsstörung dazugesellte. Damit nahm das Übel seinen Lauf, denn man konnte uns nicht mehr garantieren, dass dieser Zug überhaupt noch rechtzeitig am Frankfurter Flughafen ankommen würde und über Alternativen konnte man uns auch nicht aufklären. Wer seinen Flieger erwischen musste, der sollte aussteigen und sich ein Taxi rufen. Irgendwo im Nirgendwo. Da wir wirklich dringend nach Japan wollten, packten wir unsere Koffer und stampften los – mit schätzungsweise hundert anderen Passagieren, die eben auch unbedingt zum Flughafen wollten, wie das eben so ist.

In der freien Wildbahn angekommen sollte der Kampf um die Taxen erst richtig beginnen und genervte Bahnfahrer entwickelten sich zu blutrünstigen Hyänen, um einen Platz in den wenigen Taxen zu ergattern. Die Zeit schritt gnadenlos voran, die Leute wurden nicht weniger, die Fahrkutschen nicht mehr und in Gedanken winkte ich der Japanreise schon „Auf Wiedersehen, vielleicht ein anderes Mal.“ Aber irgendwann hatten wir doch Glück und nach einem kurzen, aber wohl wichtigsten Sprint meines Lebens hatten wir ein Taxi gefunden, welches uns dann für ungefähr 160€ innerhalb einer Stunde zum Frankfurter Flughafen brachte. Gerade noch so zwei Stunden vor Abflug waren wir an unserer ersten Station auf dem langen Weg nach Japan und hofften, das Schlimmste bereits hinter uns zu haben.

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Wer ganz genau hinschaut, kann in der Ferne den Fuji-san sehen.

Zwanzig Stunden später befanden wir uns endlich auf japanischen Boden und obwohl ich kaum bzw. gar nicht im Flugzeug schlafen, dafür aber mehrere Filme in meiner persönlichen Gedächtnisbibliothek abspeichern konnte ( An dieser Stelle möchte ich für „Hidden Figures“ eine Empfehlung aussprechen!), war ich hellwach. Vom Flugzeug aus konnte ich in der Ferne bereits den heiligen Mt. Fuji-san entdecken, welcher mir nochmal in Erinnerung rief: „Es ist kein Traum. Du bist gleich in Japan. Am anderen Ende der Welt.“ Im Hotel angekommen nahm ich mir eine dringend benötigte Dusche und freundete mich mit den japanischen Toiletten an, die nicht nur für Geräusche sorgten, wenn man sie denn mal benötigen sollte, sondern auch nach einer größeren Erledigung dafür sorgten, dass am Tatort keinerlei Spuren übrig bleiben. Die Toiletten in Japan sind Hightech und Kunst zugleich, denn der „Tatortreiniger“ muss den richtigen Druck und Höhe besitzen, um ein angenehmes Erlebnis in den häuslichen Hygiene-Tempeln zu kreieren. Zugegebenermaßen ist es beim ersten Mal etwas unangenehm und ein komisches Gefühl, wenn…na, ihr wisst schon. Solltet ihr aber mal selbst in Japan sein, so werdet ihr auf gar keinen Fall drumherum kommen und mit ziemlicher Sicherheit selbst mal in den Genuss kommen wollen. Wenn ihr euch dann darüber unterhalten wollt…ich stehe gerne zur Verfügung. Oder ihr schaut auf Amazon „Prime Japan“, in der Episode „Made in Japan“ wird auch darüber ausführlich gesprochen.

Nach der Dusche und dem wahrscheinlich interessantesten Toilettengang seit meiner Kindheit machten wir uns auf dem Weg nach Shibuya, um eine der bekanntesten Kreuzungen  der Welt mit eigenen Augen zu sehen und darüber zu laufen. Und für einen ersten Eindruck dieser Weltstadt ist diese Kreuzung ein perfekter Vorgeschmack auf das, was zumindest Tokyo stehen mag: Es ist bunt, es ist laut, es sind unzählige Menschen und man muss es einfach selbst erlebt haben.

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Shibuya-Crossing

Kurz vor den Übergängen der Kreuzung sind Musiker oder Künstler, die ihre Talente zum besten geben und bei einem fragte ich mich, wieso dieser hier auf der Straße singt und nicht in einer gefüllten Konzerthalle voller J-Rock-Fans. Allgemein gehört Shibuya den jungen Leuten, die durch und durch stylisch sind, jeder ein Unikat zu sein scheint und dem Erwachsenwerden strotzt. Mal davon abgesehen wirkte Tokyo auf mich als eine junge Stadt, bei der aber Kinder im Grundschulalter oder gar Babys eine absolute Rarität sind, die sich mir nicht bot.

Da es bereits spät am Abend war, ließen wir uns einfach von der Atmosphäre einsaugen, darin einhüllen und mit einer unglaublichen Begeisterung eindecken, welche uns wohl sichtlich im Gesicht geschrieben stand. Wir schlenderten durch die Gassen und entdeckten bereits dort die unzähligen Getränkeautomaten, welche in Japan an wirklich jeder Ecke zu finden sind. Dort gibt es verschiedene Getränke, von Cola, Mineralwasser, Grüner Tee-Erfrischungsgetränk bis zum Pokemon-Multivitaminsaft auf dem sich nicht nur Pikachu, Bisasam oder andere Taschenmonster befanden, sondern auch ein Sammelcode, mit dem man irgendwas machen konnte, was sich mir aber aufgrund fehlender Japanischkenntnisse nicht erschließen wollte. Nichtsdestotrotz war dieser Multivitaminsaft perfekt, um die Zeit bis zum Besuch des Pokemon-Centers am nächsten Tag noch länger wirken zu lassen. Nachdem wir uns in einem 24h-Supermarkt mit Essen und Trinken eingedeckt hatten, machten wir uns auf Heimweg ins Hotel. Dort angekommen fielen wir ins Bett und durch das Fenster bot sich der nächtliche Blick auf die Riesenmetropole Tokyo. Mit Sicherheit einer meiner interessantesten und bisher besten Ausblicke kurz vor dem Einschlafen.

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Zwei von Millionen Getränkeautomaten in Japan, die nicht nur in Großstädten sondern auch in kleinen Dörfern zu finden sind.

Doch viel schöner als Schlafen, zumindest wenn man nicht gerade in den grausamen Fängen des alltäglichen Lebens gefangen ist, ist es, die Augen offen zu haben und auf schöne Dinge zu richten. Und manchmal möchte man schöne Dinge besitzen und sich immer wieder daran erfreuen. Genauso erging es mir, als ich am nächsten Tag das Pokemon Center Mega Tokyo besucht habe. Schon direkt beim Betreten des Ladens war mir klar: Hier werde ich jede Menge Geld liegen lassen und jeden Yen davon niemals bereuen.

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Wenn mein Koffer und mein Geldbeutel doch nur unendliche Kapazitäten hätten..

Es gab einfach alles, was das Herz eines Pokemon-Liebhabers wie mich höher schlagen lässt. Da Halloween vor  der Tür stand, war sogar kurz vor unserem Japanaufenthalt eine eigene Halloween-Kollektion eingetroffen, bei der sich Pikachu & Co in ein passende Schale geworfen haben und damit keine zwei Minuten später als ich den Laden betreten habe, im Einkaufskorb gelandet sind. Wenn man neue Hausschuhe gebraucht hat, gab es dafür natürlich genauso ein Angebot wie wenn man gerade neue Boxershorts brauchen sollte. Wenn man nach einer passenden Aufbewahrung für sein Essen sucht, findet man z.B. Bento-Boxen und wenn man dummerweise kein Besteck daheim haben sollte oder es einfach nicht süß genug ist, gab es hier ein komplettes Sortiment. Hier alles aufzuzählen würde den Rahmen deutlich sprengen, denn es gab wirklich ALLES. Am Ende wurde ich mehr als 100€ ärmer, dafür unendlich glücklich. Da wusste ich natürlich noch nicht, dass es nicht mein letzter Besuch in einem japanischen Pokemon-Center werden sollte…dazu aber bald mehr.

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Die Ausbeute aus dem Pokemon-Center, welche noch wachsen sollte.

Womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte und was für mich als Sommer-Verabscheuer ein kleines bisschen kontraproduktiv war, war die Tatsache, dass es in Tokyo unglaublich warm war. Die hohe Luftfeuchtigkeit hat ihr übriges getan und so war ich eigentlich immer schweissgebadet. Die Shirts klebten innerhalb von Sekundenbruchteilen an mir, als wäre ich mit meinen Klamotten direkt in einen See gesprungen. Irgendwann musste ich mich damit anfreunden, dass es nun eben ein Zustand war, mit dem ich mich anfreunden musste und sehnte jede Klimaanlage herbei. Diese gibt es in Tokyo eigentlich überall, nur nicht draußen und wenn sie vorhanden waren, dann gaben sie ihre volle Leistungsfähigkeit. Der „Unerträglich warm-unangenehm kalt“-Wechsel war zwar auch nicht das Gelbe vom Ei, aber immer noch die bessere Alternative als in Tokyo herumzulaufen als wäre man ein nasser Kartoffelsack. Nach dem Pokemon-Center wollten wir nochmal ins Hotel, um uns eben von der Schwüle ein wenig auszuruhen, machten dann einen kleinen Abstecher in Shinjuku, weil sich über den Häuserfassaden bereits der Anblick eines weiteren, bekannten japanischen Monsters bot: Godzilla. Wir stiegen dort aus und machten uns in dessen Richtung, weil ich „nur mal gucken wollte“ (kaufen konnte ich ihn sowieso nicht, dafür war kein Platz im Koffer).

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Nachdem ich mir selbst eingestanden hatte, dass ich Godzilla wirklich nicht mit nach Deutschland nehmen konnte, begaben wir uns in eine mehrstöckige Spielhölle, welche auf dem Weg lag. Dort durfte ich dann endlich wieder Geld ausgeben und richtig ausrasten, denn auch schien es einfach wieder alles zu geben. Wer unbedingt Geld verlieren wollte (und dazu gehöre ich definitiv) konnte sein Glück an Greifarm-Automaten versuchen, die sehr deutlich so eingestellt waren, dass man auf gar keinen Fall auf Glück, sondern auf einen vollen Geldbeutel hoffen sollte. Es gab Mario Kart-Spielautomaten, man konnte sein Rythmusgefühl an Trommeln erproben oder auch einen Luigis Mansion-Automaten, bei dem man zu zweit auf Geisterjagd gehen konnte, bewaffnet mit Controllern, die wie Staubsauger aussahen, in denen die putzigen Geister mit einem passenden Vibrationseffekt verschwanden, wenn man sie eigesaugt hatte. Wie so oft stellte sich die Frage: Wieso gibt es sowas nicht in Deutschland? WIESO?

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Mario Kart, Luigis Mansion, Jurassic Park oder ein bisschen trommeln?

Nachdem wir unseren Zockerhunger gestillt hatten, ging es ohne Zwischenhalt für eine kleine Pause zurück ins Hotel, um uns mehr oder weniger wieder frisch zu machen, jedenfalls so wie es bei der Hitze möglich war. Danach gibt es in die nächste Hochburg des Nerdigtums: Akihabara. Aus dem Bahnhof ausgestiegen bot sich uns eine Aussicht auf unzählige große, leuchtende und schrille Reklamen, welche sich durch den ganzen Stadtteil zogen. Sobald es Nacht wird, werden diese Eindrücke nochmal verstärkt und wer es bisher nicht gemerkt hatte, dass er sich in Japan befindet, der würde es dann auch endlich merken. Auch hier gab es wieder unzählige Geschäfte, in denen man Geld ausgeben konnte und jeder, der sich dort aufhielt, war auch gewillt, dies zu tun. Und oh Wunder…ich gehörte auch dazu. Allerdings: Ich habe das Problem, dass wenn das Angebot zu riesig ist, dass ich dann ein Problem habe, wirklich herauszufiltern, was ich denn nun wirklich brauche, um weiterhin existieren zu können. Soll es eine Pikachu-Spardose sein oder doch ein Godzilla-Fächer? War da hinten nicht noch was von Tokyo Ghoul? Oh, es gibt noch ein siebtes Stockwerk? Dann lass uns doch da noch hinschauen.

Deswegen wurde am Ende meine Ausbeute überschaubar, aber für meine Erinnerungen wurde alles in meinem Kopf  abgespeichert – was zwar umsonst, aber nicht minder wertvoll ist.

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Wenn man sich in der Stadt der Superlative verlieren möchte, kann man dies hier tun.

Das war der erste Teil meines Japanreiseberichtes. Nächsten Sonntag gibt es bereits den nächsten Teil. Ich würde mich freuen, wenn ihr mir eure Meinung, Anregungen oder gerne auch Fragen in die Kommentare schreibt, damit ich euch bestmöglich von meiner Traumreise erzählen kann. Weitere Bilder gibt es auch immer wieder auf meinem Instagram-Account, welchen ihr hier findet.

Nächste Woche nehme ich euch weiter in Tokyo mit, eines, das auch mit seinen Tempelanlagen und seiner Tradition, welche in der japanischen Kultur fest verankert zu beeindrucken weiß. Bis dann!

 

 

4 Gedanken zu “Lost in Nippon – Teil 1: Tokyo 東京

  1. Unglaublich gut geschrieben. wieso um alles in der Welt gibt es keine Fortführung?
    Die Schilderung deiner Reise wecken in mir das Fernweh! Hattest du auch die Möglichkeit einer TeeZeremonie beizuwohnen?

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    1. Puh, leider ist das über die Zeit irgendwie in Vergessenheit geraden, aber ich habe momentan etwas in Planung, was die Reihe sozusagen endlich fortführt. 🙂

      Fernweh habe ich auch ganz ganz arg. Würde am liebsten sofort in den Flieger und zurück, aber irgendwann ist es auch wieder so weit und dann ist es umso schöner! Bei einer Teezeremonie war ich nicht dabei, aber das wäre auch noch etwas, bei dem ich gerne dabei wäre.

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