Buchrezension: Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Fast jeder von uns hat sich in seinem Leben schon mal gefragt: Was wäre, wenn ich damals einen anderen Weg gegangen wäre? Nach der Schule oder dem Studium erst um die Welt statt in die Arbeitswelt? Eine Freundschaft gepflegt statt diese ins Nichts verlaufen zu lassen? Einer Einladung auf einen Kaffee gefolgt statt diese abzulehnen? Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten in unserem Leben und jeder Tag schafft neue Möglichkeiten dieser Art.

Mit der berühmten „Was wäre wenn…“-Frage beschäftigt sich der neue Roman von Matt Haig und schafft dadurch einen Roman, der momentan nicht bedeutender sein könnte und sanft die Herzen der Leser berührt und sie in ein Gedankenexperiment entführt. 

Ein Loblied auf die Unendlichkeit der Möglichkeiten

Vollkommen verzweifelt beschließt Nora Seed, ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Sie weiß keinen anderen Ausweg und alles, was ihr Struktur und Lebensfreude bereitete, wurde ihr innerhalb kürzester Zeit weggenommen. Doch statt einem Ort, an dem sie in eine alles verschlingende Leere stürzt, findet sie sich in der Mitternachtsbibliothek wieder. Jede Entscheidung ihres Lebens hat sie auf einen anderen Pfad geführt, welcher sich von ihrem Ursprungsleben unterscheidet. Ein unendlicher Quell an Möglichkeiten und von jeder Variante ihres Lebens existiert ein Buch, in welchem sie lesen und somit in eine andere Version ihres selbst schlüpfen kann. Forscherin, Rockstar oder Olympiaschwimmerin – in all diese Leben kann sie einen Blick werfen. Sollte sie dabei das Leben finden, in dem sie das vollkommene Glück erfährt und bleiben möchte, so kann sie sich entscheiden, dies zu tun. Ankommen.

Der Kern des Buches besteht nun aus der Reise der Nora Seed und ihrem Streben nach Glück. In kurzen Kapiteln, die einem ein „Noch ein Kapitel“-Gefühl geben, erfährt der Leser immer mehr von den innigsten Wünschen, aber auch den Dämonen Noras. Seite für Seite deckt man dabei vorsichtig auf, was Glück bedeutet  und in welches Leben sie sich letztendlich verliebt und beschließt zu bleiben. Dabei übersieht man beinahe, dass einen das Buch selbst auf eine Reise nimmt. Man kommt nicht drumherum, sich die selben Fragen we Nora zu stellen oder begierig auf eine weitere Variante ihres Lebens zu hoffen. Nur um sich insgeheim selbst zu fragen: Was wäre, wenn…?

„Man kann sich gut vorstellen, dass es leichtere Wege gibt“, sagte sie, weil ihr zum ersten Mal etwas klar wurde. „Aber vielleicht gibt es gar keine leichten Wege. Sondern nur Wege. (…)“

Matt Haig, Die Mitternachtsbibliothek, S. 203

Die magische Kraft der Worte

„Die Mitternachtsbibliothek“ ist eines der Bücher, das den Leser sanft dazu bringt, eigenen Perspektiven zu hinterfragen oder aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Es führt dem Leser das Offensichtliche vor Augen ohne dabei aufdringlich zu sein. Es erinnert einen auch, sich auf das zu konzentrieren, was im Leben zählt und dass Entscheidungen uns zu dem machen, was wir sind. Es liefert keine Antworten, sondern bringt einen dazu, diese selbst zu finden. Spätestens wenn der Leser am Ende angekommen ist und das Buch mit einem Lächeln schließt, merkt er selbst: Wir alle sind Nora Seed. Und jeder von uns hat seine eigene Version der Mitternachtsbibliothek. 

FAZIT

Der melancholisch anmutende Titel „Die Mitternachtsbibliothek“ wirkt in Kombination mit dem wunderschönen Cover wie ein unerschütterliches Versprechen auf einen überzeugenden Inhalt. Ein Buch, dessen Namen nicht nur die Neugierde, sondern auch die eigenen Erwartungen hoch ansetzt – und diese letztendlich zu übertreffen weiß. Auch wenn ein Sprichwort besagt, dass man ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilen soll, ist das hier die berühmte Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Matt Haig hat hier ein Werk geschaffen, in dem jeder Mensch für sich selbst eine Kernaussage ziehen und auf das eigene Leben übertragen kann. Dieses Buch begleitet einen noch lange nach dem Lesen der letzten Seite — im besten Fall sogar ein Leben lang.

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