Buchrezension: Das Verschwinden der Erde von Julia Phillips

Die Fußstapfen, die der Debütroman von Julia Phillips setzt, waren bereits vor dem offiziellen, deutschen Erscheinungstermin am 22. Januar 2021 beeindruckend. In anderen Ländern ist das Buch bereits ein gefeierter Bestseller und war im Jahr 2019 nominiert für den National Book Award, einer der renommiertesten Literaturpreise der USA. Nun erschien „Das Verschwinden der Erde“ auch bei uns und lässt bereits zum Jahresbeginn auf ein Highlight hoffen. 

Das kunstvolle Zusammenschweißen mosaikhafter Schicksale

Die Autorin entlässt den Leser in die Kälte der Tundra und in eine Geschichte über das Verschwinden zweier junger Schwestern. Dieser Vorfall beeinflusst das Leben vieler, unterschiedlicher Menschen in der Region Kamtschatski, allen voran der Stadt Petropawlowsk. Die Leben dieser Menschen bringt der Debütroman von Julia Phillips auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck. Auch wenn der Klappentext des Buches einen Thriller oder Krimi erahnen lässt, überrascht das Buch zum einen durch den ungewöhnlichen Erzählstil, aber auch damit, dass es eher ruhigere, intimere Töne anschlägt. Anhand mehrerer, einzelner Episoden beleuchtet die Autorin die unterschiedlichen Schicksale der Menschen aus Kamtschatski und im weiteren Verlauf der Geschichte verknüpft sie diese geschickt. Jedes Kapitel, welches jeweils einen anderen Charakter in Szene setzt, ist auf seine Art und Weise eigenständig, hat jedoch immer wieder Berührungspunkte mit Personen aus vorherigen oder nachfolgenden Kapiteln. Jeder Charakter hat seine eigenen Sorgen und Ängste oder etwas, das ihn beschäftigt. Die Entführung der beiden Kinder steht jedoch immer wieder im Raum. Immer wieder wird diese von den Protagonisten aufgegriffen und zum Thema eines Gespräches oder eigenen Mutmaßungen. Dabei erhält man als Leser ein Gespür für das Leben und Denken der Menschen in Petropawlosk und enthüllt auch konservative Denkweisen oder Traditionen, an denen festgehalten wird und den langsamen, gesellschaftlichen Fortschritt der Menschen auf der abgelegenen Halbinsel bezeugen.

Eine fortlaufende Geschichte anhand einzelner Charakterepisoden zu erzählen ist eines der besonderen Hauptmerkmale des Buches. Dennoch hat man als Leser das Gefühl, dass die Entführung der Schwestern nur eine Nebenrolle zu spielen scheint. Eine dramatische Einführung in eine Welt, die unserer so nah, jedoch in vielerlei Hinsicht fern ist. Die größte Stärke des Buches ist gleichzeitig auch die größte Schwäche: Der Erzähltstil sowie die Geschichte selbst überrascht den Leser und bricht dessen Erwartungen. Es ist nicht verwunderlich, einen spannenden Thriller zu erwarten, wenn der Klappentext davon spricht, dass „die Suche nach den Mädchen die ganze Stadt in Aufruhr“ hält oder „wie eine düstere Wolke“ über der Stadt hängt. Doch in manchen Kapiteln erhält das Gewaltverbrechen, welches das Zentrum der Geschichte ausmachen soll, nur eine kurze Randbemerkung. Auch der Spannungsbogen ist kaum vorhanden und erst gegen Ende spitzt sich die Lage etwas zu, nur um dann beinahe klanglos und unaufgeregt zu verstummen. 

„Das Verschwinden der Erde“ ist daher nur so gut, wie die eigenen Erwartungen gesetzt werden. Wünscht man sich einen spannenden Thriller mit eine aufregenden Ermittlung des Verbrechens, so könnte man wahrscheinlich vom Buch enttäuscht werden. Möchte man allerdings auf kunstvolle Art für einen kurzen Augenblick in fremde Leben blicken und beobachten, wie deren Schicksale behutsam miteinander verknüpft werden, so ist der Debütroman von Julia Phillips einen Blick wert. Mit fürsorglichen Blick konstruiert die Autorin innerhalb eines Kapitels Charaktere, deren Leben greifbar und nachvollziehbar sind. Die schneebedeckte Landschaft um Petropawlowsk wirkt dabei authentisch und lebendig. Man bemerkt die liebevolle Ausarbeitung der Umgebung, welche nicht nur eine Herzensangelegenheit der Autorin war, sondern auch viel Recherchearbeit beansprucht hat. Doch all dieser Aufwand hat sich gelohnt. „Das Verschwinden der Erde“ kristallisiert sich als ein Schmuckstück heraus, dessen Schönheit im Auge des Betrachters liegt, doch dafür umso mehr dafür geschätzt wird, einen anderen, mutigen Weg einzuschlagen. 

Fazit

Das Erstlingswerk von Julia Phillips bricht mit Konventionen. Die Ausgangslage, die Entführung von zwei kleinen Mädchen, könnte die perfekte Grundlage sein für ein nervenaufreibendes Katz- und Maus-Spiel zwischen einem Entführer und Ermittlern. Doch das ist es nicht. Mit ruhigen Tönen werden in „Das Verschwinden der Erde“ die Leben von mehreren Frauen erzählt, die das eigenen Schicksal schwer auf ihren Schultern lasten haben und versuchen, Perspektiven zu erschaffen. Das Verbrechen wird dabei zur Nebensächlichkeit und Themen wie Fremdenfeindlichkeit oder die Unterdrückung der Frau in einer selbstverständlichen Männderdomäne werden in die Geschehnisse eingeflochten und formen dadurch eine Welt, die in unseren Gefilden zwar größtenteils unverständlich, aber dennoch erschreckend realistisch und nah wirken. Wer sich Nervenkitzel erhofft, wird diesen jedoch schmerzlich vermissen und enttäuscht sein. Doch gibt man dem Buch die Chance gibt, diese Geschichten für sich sprechen zu lassen, dann erhält man mit „Das Verschwinden der Erde“ einen einfühlsamen Roman in einer nachvollziehbaren und authentischen Umgebung. 

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