Angespielt – The Medium (Xbox Series)

In der Videospielwelt sind echte Innovationen eher eine Seltenheit. Oft hat man das Gefühl, dass es alles in irgendeiner Form schon einmal gegeben hat. Manche Spiele machen es sich daher zur Aufgabe, bekannte Elemente aus mehreren Spielen zu sammeln und diese in einem eigenen Spiel zu vereinen. Frei nach dem Motto: Lieber gut geklaut statt schlecht selber gebaut.

Das Entwicklerstudio Bloober Team, welches durch Blair Witch und Layers of Fear bereits sehr gute Horrorerlebnisse liefern konnte, möchte allerdings noch nie dagewesene Pfade ergründen. Das sogenannte „Dual-Reality“-Gameplay gab es bisher noch nie zuvor in einem Videospiel. Die gleichzeitige Darstellung und Interaktion innerhalb zweier Welten ist das Aushängeschild des neuen Spiels The Medium, welches damit vollkommen zurecht die Neugierde geweckt hat. Doch reicht diese Gameplay-Mechanik aus, um The Medium zu einem guten Spiel zu machen?

Urlaubsreif im Totenreich

In The Medium schlüpft ihr in die Rolle von Marianne. Diese ist das namensgebende Medium und kann dadurch mit der Geisterwelt in Kontakt treten und verlorenen Seelen dabei helfen, ins Jenseits zu übertreten. Marianne selbst wird seit langer Zeit von einer Vision heimgesucht, in der ein kleines Mädchen grausam ermordet wird. Ein mysteriöser Anruf, der sie darum bittet, in das verlassene Niwa Resort zu reisen, scheint mit ihr und ihrer Vision verknüpft zu sein. Schon bald befindet sich der Spieler an dem düsteren und heruntergekommenen Schauplatz und untersucht eine Reihe seltsamer Ereignisse.

Die Geschichte von The Medium ist spannend, atmosphärisch und dicht erzählt. Immer wieder ertappt man sich dabei, die Geschehnisse zu hinterfragen und eigene Theorien aufzustellen, welche die Grausamkeiten erklären könnten. Allerdings sollte man auch ein kleines bisschen Lesebereitschaft mitbringen, denn manche Details werden einem erst bewusst, wenn man die vielen Zettel und Postkarten aufmerksam liest. Mit zunehmender Spielzeit hat man vermehrt das Gefühl, dem Geheimnis hinter den Ereignissen im Niwa Resort näher zu kommen und den Schleier des Geheimnisvollen zu lüften. Dabei macht die Geschichte den Anschein, vorhersehbar zu sein. Immer wieder schafft sie es jedoch, zu überraschen. Bis zuletzt.

Klassisch, praktisch gut

Mit The Medium erhält man die Möglichkeit, eine Reise in die Vergangenheit anzutreten. Die feste Kameraperspektive erinnert dabei sofort an die früheren Teile der Silent Hill- oder Resident Evil- Reihe. Das lässt das Nostalgieherz eingefleischter Horrorfans aufgeregt schneller schlagen. Auch die Steuerung kommt einem überraschend vertraut vor. So sehr es auch Charme versprüht: Die Bewegungen wirken leider sehr steif und aus der Zeit gefallen. Das ist nicht unbedingt schlecht, bringt aber die gleichen Probleme wie vor zwanzig Jahren mit sich: Immer wieder läuft man gegen Wände oder Gegenstände, weil die räumliche Vorstellungskraft unter den festen Kameraeinstellungen leidet. Auch die starren Gesichtsanimationen sind sicherlich etwas, an das sich der ein oder andere gewöhnen muss. Kann man darüber hinwegsehen, so kann man sich daran erfreuen, sozusagen ein altes Horrorspiel im neuen Gewand zu erleben.

Größere oder kleine Kopfnüsse haben ebenfalls ihren Platz im Spiel gefunden. Auch diese erinnern an die Rätselpassagen von Klassikern wie Resident Evil. Mal muss man die Energieversorgung herstellen oder einen geheimen Zugang zu einem Raum ertüfteln, indem man in einer der beiden Welten an einem Rad dreht. Die Kräfte eines Mediums werden dabei stimmig eingesetzt und mit jeder weiteren Fähigkeit werden neue Wege offenbart, um an die Lösung eines Rätsels zu kommen. Die Rätsel sind gut umgesetzt, bringen einen aber nie an den Rand der Verzweiflung. Schwierigere Rätsel wären wünschenswert gewesen und hätten das Spielerlebnis deutlich aufgewertet.

Kämpfe gibt es in The Medium übrigens keine. Die Stellen, in denen tatsächlich Gewalt angewendet sind, stellen sich als so gering heraus, dass es fast keinerlei Erwähnung wert ist. Dadurch fehlt dem Spiel die Action und man erhält das Gefühl, den dunklen Mächten ausgeliefert zu sein.

Technisch eher Medium, musikalisch Large

The Medium ist das erste, exklusive Xbox-Spiel der neuen Generation (mittlerweile eher „Current Gen“) und lässt damit die Spieler zurück, welche noch nicht die Möglichkeit hatten, sich ein Gerät der Xbox Series nach Hause einzuladen. Die Umgebungen sind stimmungsvoll inszeniert und an manchen Stellen staunt man über Lichtspiele, welche von der Rechenleistung der neueren Konsolen profitieren. Vor allem die Passagen in der Geisterwelt beeindrucken wirklich und sind ein visuelles Highlight. Allerdings darf man kein Grafikwunder mit fotorealistischen Umgebungen erwarten. Die Atmosphäre leidet darunter dennoch nicht.

Musikalisch macht The Medium einen erstklassigen Job. Das Gameplay hat bereits an die alten Horrorklassiker erinnert und spätestens, wenn der Soundtrack in die Gehörgänge schlüpft, dürfte man sich nicht wundern, dass hier Akira Yamaoka am Werk war. Dieser hat bereits für diverse Videospiele komponiert, allen voran für die Silent Hill-Reihe. Seinen Einfluss merkt man dem Spiel deutlich an und schnürt die Spannung in aufregenden Momenten unangenehm enger und lässt einen das Blut in den Adern gefrieren.

Dual-Reality-Gameplay

Das Dual-Reality-Gameplay, offensichtliches Aushängeschild von The Medium, wirkt auf den ersten Blick wie ein Splitscreen, wie man ihn aus Couch-Koop-Spielen kennt. Simultan bewegt sich Marianne dabei in der Realität und der Geisterwelt, löst Rätsel in der einen, um in der anderen etwas zu öffnen. Stilistisch in Szene gesetzt werden die Bildschirme mal horizontal, mal senkrecht zweigeteilt. Visuell ist dies beeindruckend, auch wenn man sich oft schwer tut, sich auf beide Welten gleichzeitig zu konzentrieren. Ein Highlight bleibt Dual-Reality aber in jedem Fall. Wenn in Verfolgungsjagden die Welten plötzlich und ohne Vorwarnung umschalten, dann erhält The Medium sogar einen cineastischen Eindruck, der einen den Atem verschlägt. Dual-Reality ist ein interessanter Ansatz, ein wenig Experimentierfreudigkeit und Abwechslung hätte den Passagen jedoch gut getan.

Fazit

The Medium besticht mit einer erklassigen, düsteren Atmosphäre und einer Thematik, wie sie in einem Lehrbuch für Horrorszenarien geschrieben stehen könnte. Der erste Exklusivtitel für die Konsolen der Xbox Series (und für den PC) führt das „Dual-Reality Gameplay“ ein und gibt einen ersten Vorgeschmack auf die Möglichkeiten der aktuellen Konsolengeneration. Allerdings nur einen Vorgeschmack, denn grafisch raubt The Medium niemanden den Atem. Auch spielerisch orientiert sich der Titel stark an die Horrorklassiker der Videospielgeschichte und wirkt teilweise wie ein Hommage an diese Zeit. Das mag für die einen altbacken wirken, für die anderen jedoch versprüht es einen gewissen Charme und weiß zudem durch eine spannende Geschichte zu begeistern. Durch die kurze Spielzeit von ungefähr acht Stunden ist es auf jeden Fall ein Titel für einen oder zwei unterhaltsame Gruselabende.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s