Buchrezension: Der Wald der verlorenen Schatten von Danbi Eo

Von der Großstadt in die Provinz

„Der Wald der verlorenen Schatten“ versetzt den Leser in die südkoreanische Hauptstadt Seoul. Dort lebt die 29-jährige Hyoju und arbeitet zunächst noch als Ticketverkäuferin, einer Anstellung, welche ihr aber keine Freude bereitet. Vor kurzem hat sich diese von ihrem Freund getrennt und ihre Gefühle sind immer noch an ihn gebunden und sie versucht deshalb verzweifelt, sich ihm wieder zu nähern. All ihre Versuche schlagen fehl und vom Unglück verfolgt verliert sie aufgrund eines Vorfalls ihren Job. 

Von Existenzängsten geplagt und rückständigen Mietzahlungen im Nacken, entschließt sie sich, einer ungewöhnlichen Nachricht auf den Grund zu gehen. Ihre Großmutter, welche sie noch nie zuvor kennengelernt hat, verstarb wenige Tage zuvor und als einzige Angehörige ist sie die rechtmäßige Besitzerin ihres Erbes. Sie fährt in ein abgelegenes Dorf, um an der Bestattung teilzunehmen und lernt dort die Dorfbewohner sowie ihre Sitten kennen. Obwohl sie sich wie eine Außenseiterin fühlt, beschließt sie zu bleiben. Das Haus ihrer Großmutter, welches sie geerbt hat, ist gedanklich bereits verkauft, um ihre Schulden zu begleichen. Am letzten Tag der Beerdigungsfeier jedoch betritt sie verbotenerweise den Wald und stellt kurz daraufhin fest, dass ihr Schatten fehlt. Sie trifft einen geheimnisvollen Mann, der ihr dabei hilft, dem Geheimnis ihres verlorenen Schattens auf die Schliche zu kommen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt: Sollte sie nicht innerhalb von fünf Tagen ihren Schatten zurück gewinnen, wird sie für immer ein Teil des Waldes. 

Enlight208.JPG

„Der Wald der verlorenen Schatten“ ist eine märchenhafte Geschichte, die dem Leser nicht nur von einem magischen Ort berichtet, sondern auch einer fernen, koreanischen Kultur. Während man im geheimnisumwobenen Wald Angst haben muss, seinen Schatten zu verlieren oder von angsteinflößende Monsterwesen verschlungen zu werden, hat man außerhalb des Waldes die Sorge, verlassen zu werden, weil man eine Waise ist. Zwischen den Zeilen kann man moralische Wertvorstellungen oder auch gesellschaftliche Kritik herauslesen. Doch nur, wenn man ganz genau hinblickt und seine Augen und Gedanken dafür öffnet. Denn „Der Wald der verlorenen Schatten“ ist kein versteckt gesellschaftskritischer Roman, sondern liefert eine bezaubernde Illusion, in der letztendlich sehr viel Gefühl steckt. Im Laufe der Geschichte nähern sich Hyouju und der geheimnisvolle Mann namens Muyeong an und vor allem in den Dialogen der beiden stecken die melancholischen, berührenden Momente, zum Beispiel dann, wenn Hyouju diesem erklärt, was Liebe bedeutet oder warum man weint. Vor allem gegen Ende treten solche Momente vermehrt auf und dramatische Ende der Geschichte ist dabei so anschaulich beschrieben, dass man sich mittendrin im Geschehen fühlt. 

Leider hat das Buch auch größere Schwächen, die erwähnenswert sind. Gerade in den ersten Kapiteln sind langatmige Passagen keine Seltenheit. Anfangs plätschert die Geschichte nur gemächlich vor sich hin und manche Ereignisse wiederholen sich, ohne die Geschichte wirklich voran zu bringen. Davon abgesehen wäre es schön gewesen, wenn manche kulturelle Gegebenheiten wie die Scham über das Fehlen der Eltern oder die Bestattung der Großmutter in einer Randnotiz kurz erklärt worden wären. Manche Dialoge wirken sinnlos und lassen auch trotz mehrmaligen Lesen keinen Zusammenhand erahnen. Dies könnte auch dem Fortbleiben von Informationen einer uns fremden Kultur geschuldet sein oder auch einer ungelenken Übersetzung. Definitiv vermeidbar sind aber die gehäuften Rechtschreibfehler oder grammatikalischen Fehltritte, über die man als aufmerksamer Leser stolpert. Hier wäre eine sorgfältigere Überprüfung vor dem Drucken des Buches wünschenswert gewesen. 

Fazit

„Der Wald der verlorenen Schatten“ ist eine kurze, aber ungewöhnliche Leseerfahrung, die einen in die ländliche Gegend von Südkorea reisen lässt. Die Geschichte um Hyouju versprüht Magie und der Wald der verlorenen Schatten lässt einen die Atmosphäre beinahe mit bloßen Händen ergreifen. Vor allem gegen Ende nehmen die Ereignisse nochmal an Fahrt auf und erzeugen einen filmreifen Abschluss, der ansatzweise an Filme von Makoto Shinkai erinnert. Dennoch trüben die langatmigen, wiederholenden Passagen das Gesamtbild und das Buch hätte allgemein eine genauere Überprüfung des Korrektorats benötigt. Wenn man darüber hinweg sehen kann, so erhält man als Leser ein koreanisches Märchen und auf diesem Wege einen Einblick in eine ferne Kultur, welche man nicht sofort versteht. 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s