Kurz & knapp: Filmreview „Earwig and the Witch“

Der erste, komplett CG-animierte Film von Ghibli. Ein mutiger Schritt, aber auch einer, der bereits im Vorfeld von Kritikern und Fans gleichermaßen streng beäugt wurde. Man bricht mit nicht weniger als jahrzehntelangen Konventionen. Kein Wunder also, dass man sich die Frage stellt, ob der Film den hohen Standards der früheren Ghibli-Filme halten kann. Und was soll ich sagen: Earwig and the Witch ist nicht nur der schlechteste Ghibli-Film, sondern wirkt auch wie der verzweifelte Versuch, einem bekannten, international erfolgreichen Studio nachzueifern.

Die Geschichte basiert wie Das wandelnde Schloss auf der Romanvorlage von Diana Wynne Jones aus dem Jahre 2011. Man verfolgt die Geschichte von Earwig, einem kleinen Mädchen, das als Baby von der Mutter vor einem Waisenhaus ausgesetzt wurde. Nicht, weil die Mutter den Aufgaben einer Erziehungsberechtigten nicht gewachsen zu sein scheint, sondern um ihr Kind vor großen Mächten zu schützen. Earwig wächst zu einem vorlauten, intriganten Mädchen heran, welches alles daran setzt, bei keiner Familie aufgenommen und geliebt zu werden. Der Charakter ist so gut dargestellt, dass man sich als Zuschauer ebenfalls in keiner Sekunde dafür entscheiden würde, Earwig (oder später auch Erica, weil ihr ursprünglicher Name einer Erzieherin zu hässlich war) ein neues Zuhause anzubieten. Über die ganze Filmlänge haben es die Macher grandios geschafft, dass man keinerlei Bindung zu den Charakteren aufbaut. Selbst die sprechende Katze, die in anderen Ghibli-Filmen sofort dafür gesorgt hätte, dass dem Zuschauer ein entzücktes Kreischen im Hochfrequenzbereich entfährt, kann hier höchstens für ein gut gemeintes Seufzen sorgen. Die bösen Charakter nerven auf unangenehme Art und Weise mit ständig wiederholenden Phrasen und einer Einfallslosigkeit, die ihresgleichen sucht. Die Umsetzung des Buches ist unfassbar langweilig, zieht sich unangenehm in die Länge und hat keinerlei Höhepunkte. Die einzigartige Magie, welche jedem vorherigen Film des Studios anhaftet, ist komplett verschwunden. Nicht einmal der Hauch eines Miyazaki-Filmes ist zu erahnen (auch wenn hier nicht Hayao, sondern sein Sohn Gorō verantwortlich ist). Auch wenn Altmeister Hayao Miyazaki behauptet, dass Earwig and the Witch Pixar-Qualität besitzt, so muss man sich nur mal den zuletzt veröffentlichten, grandiosen Pixar-Film Soul anschauen, um zu merken, dass Earwig and the Witch ganz weit davon entfernt ist. Einen solchen Vergleich hat das Ghibli-Studio eigentlich auch gar nicht notwendig. Umso verwunderlicher ist es, dass mit so großen Namen um sich jongliert wird, während man gleichzeitig einen der schlechtesten und seelenlosesten Filme des Studios veröffentlicht.

Die Idee, den Film vollständig in 3D zu entwickeln, ist dabei nicht das eigentliche Problem, sondern Teil eines Großen und Ganzen. Vielleicht hätte der Film in gezeichneter Form besser funktioniert. Übrig geblieben wären aber immer noch nervige Charaktere, zu denen man keinerlei Bindung entwickeln kann, eine langweilig präsentierte Geschichte und ein belangloser und ersetzbarer Soundtrack. Kein Sinn wird berührt und durch das abrupte Ende bleibt nur noch die Hoffnung, dass keine Fortsetzung des Filmes geplant ist und Earwig and the Witch nur ein Ausrutscher war.

Hoffentlich findet man ganz schnell zu den Ursprüngen und den früheren Stärken zurück. Vielleicht auch, indem man sich auf das besinnt, was Ghibli-Filme ausmacht und sich auf deren Kernessenz besinnt: Wunderschöne, einzigartige Geschichten, welche in einem verzaubernden Mantel umhüllt sind und so die Herzen von Alt und Jung erreichen und wärmen.

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